Friedrich Hüttenberger
"Nach
allem Vermuthen heimlicherweise nach Brasilien"
-
die Wiederentdeckung einer vergessenen Pfälzer Auswanderung -
1.
Brasilien lockt
Bei allen bedeutenden neuzeitlichen
Auswanderungswellen waren Pfälzer in großer Zahl beteiligt. So war es schon
1784, als es in Ungarn und Galizien günstige Ansiedlungsbedingungen gab, so war
es in Russland oder auch später bei den großen Auswanderungswellen im
19.Jahrhundert nach Amerika. Es verwundert daher nicht, dass auch bei der Welle
der Brasilienauswanderungen in den 1820-er Jahren neben vielen Familien aus dem
Hunsrück auch eine beachtliche Zahl Pfälzer zu finden waren.
Nachdem sich Brasilien 1822 vom Mutterland
Portugal getrennt hatte, brauchte der junge brasilianische Kaiser Don Pedro I.
in dem riesigen Land Siedler, Handwerker für den Aufbau und Soldaten zur
Verteidigung des Landes und zur inneren Sicherheit. Er wies seine
Gesandtschaften in Europa an, Siedlungswilligen bestimmte, günstige Bedingungen
anzubieten. Für Deutschland beauftragte er einen Major Anton von SCHAEFFER,
der in brasilianischen Diensten
gestanden hatte und für diese Organisationsaufgabe in sein Heimatland geschickt
wurde.
Im Archiv der Kreisverwaltung Kusel
befindet sich als informativer Beleg bei den Auswanderer-Akten ein schön
gedrucktes Ansiedlungsangebot des Kaiserlich- Brasilianischen Konsulats in
Bremen vom Januar 1828, das als Vertragsgrundlage für Auswanderungswillige
folgende Vergünstigungen anbot:
1. 400 bis 600 Morgen Land, teils als Wiesen,
Acker oder Wald als freies Eigentum
2. Vieh: Pferde, Kühe, Ochsen, Schafe,
Schweine, Hühner je nach Familiengröße
3. Unterhalt: im ersten Jahr einen Franken pro
Kopf, im zweiten Jahr die Hälfte
4. Zehn Jahre Abgabenfreiheit, danach 10% des
Ertrags.
Diese Bedingungen waren so verlockend, dass
im auch Westrich
viele Familien, Bauern und Handwerker, aber auch Alleinstehende hierin
eine hervorragende Verbesserung ihrer Situation sahen und vereinzelt schon
1823, in Mengen ab 1826/27 Anträge zur Ausreisebewilligung über ihr jeweiliges Bürgermeisteramt und das Landkommissariat
Kusel an die bayrische Regierung stellten.
Natürlich war die Kunde von gelungenen Auswanderungen, die
seit 1824 vor allem von Hunsrückern in den Süden Brasiliens (Sao Leopoldo, Rio Grande do Sul)
getätigt worden waren, inzwischen auch bis in die Westpfalz gekommen. Aus einem
Drehorgellied der damaligen Zeit über Brasilien stammt die
verheißungsvolle Vorstellung "Die Grumbiern
wie ein Kopp so groß " (1).
2. Der
legale Weg zur Auswanderung
Es war ein langer und teurer Behördenweg,
den ein "Untertan" damals, als die Pfalz gerade bayerisch geworden
war, zur Erlangung einer Auswanderungserlaubnis gehen musste. Die Bürgermeister
hatten dem Landkommissariat zu berichten, wie es mit der sittlichen und religiösen
Führung und den Schulden der Ausreisewilligen stand. Der königliche
Steuereinnehmer musste bestätigen, dass Steuern und sonstige Allgemeine Abgaben
richtig bezahlt worden waren. Vom
Königlichen Friedensgericht in Wolfstein holte sich das Landkommissariat die
Erkundigung ein, "ob die Bittsteller mit keiner Vormundschaft oder
sonstigen Rechnungspflicht belastet" waren. Ihr Vermögen musste
festgestellt werden, auch mit Hilfe von dazu verpflichteten "wahrhaften
Männern aus dem Orte", die den Immobilienwert "abschätzten und
eigenhändig unterschrieben". Natürlich mussten auch alle Unterschriften
durch den Bürgermeister mit Stempel und Unterschrift amtlich bescheinigt und
die "Stempelgebühren" bezahlt werden. Bei diesen obrigkeitlich
gewollten bürokratischen Hindernissen
hatten bis zum Herbst des Jahres 1827 nur wenige
Auswanderungswillige grünes Licht
seitens der Behörden bekommen. Aber die nächsten Abfahrten nach Brasilien
standen bald bevor. Und man musste ja noch mühsam nach Bremen reisen oder nach
Hamburg oder nach Amsterdam, wo die Segelschiffe abgingen. Anfang November 1827
wollten sich die verärgerten Kuseler "Rheinbayern" nicht mehr länger hinhalten lassen, obwohl
sie bereits auf der "Liste der eingekommenen Auswanderungsgesuche nach
Brasilien" eingetragen waren.
3. Der
illegale Weg
Da entschloss sich eine ganze Reihe von
Familien im Kuseler Land, einfach ohne Genehmigung auszuwandern. Sie verkauften
ihre gesamte mobile Habe, Haus und Ackerland teils privat, teils bei
öffentlichen Versteigerungen durch den Notar HAAS von Wolfstein und nutzten das
erzielte Geld für die Reise und den Neustart. Eine Planung und genaue Absprache
zwischen den 1827 auswandernden Kuseler Familien muss zuvor stattgefunden
haben, denn, wie wir aus den Berichten verschiedener Bürgermeistereien wissen,
haben in allen betroffenen Dörfern gleichzeitig ganze Familien und
Familienverbände ihren Ort "in der
Nacht vom 6. auf den 7. November 1827 heimlich verlassen", also ohne die eigentlich notwendige
Auswanderungsbewilligung.
Bereits am 8.November machten
dienstbeflissene Bürgermeister "die
gehorsamste Anzeige" an "hochlöbliches königliches Landcommissariat,
dass in verflossener Nacht nachbenannte Familien nach allem Vermuthen in der Absicht nach Brasilien heimlicherweise
ausgewandert sind"... Sie mussten
Verzeichnisse der heimlich Entwichenen anlegen und sie mit Kopfzahl und
Vermögensschätzung melden. Im Landkommissariat liefen diese Meldungen zusammen.
Allein aus dem Bezirk von Kusel, den Bürgermeistereien Quirnbach, Ulmet, Horschbach, Altenglan, Essweiler, Bosenbach
und Neunkirchen wurden 196 in dieser Nacht verschwundene Personen durch das
Landkommissariat festgestellt. Allerdings hatte der Schreiber übertrieben und
Meldungen, wie z.B. "Familie Jakob WALTHER, 4 Seelen männlichen und 4
Seelen weiblichen Geschlechts" (also 8 Personen) umgewandelt in
"Jakob WALTHER mit Frau und 7 Kindern" (also 9 Personen), so dass die
Zahl der aus diesen Bürgermeistereien Verschwundenen um etwa 28 zu hoch
berechnet und weitergemeldet wurde.
4. Ein toter
Punkt und seine Überwindung
Aber wo waren die "nach allem Vermuthen" nach Brasilien ausgewanderten Kuseler
geblieben? In Rio Grande do Sul, wo sich seit 1824
mehrere Tausend Deutsche ansiedelten, wo es heute noch deutschsprachige
Nachkommen von Hunsrücker und Pfälzer Bauern gibt, wo es von Anfang an
protestantische seelsorgerische Begleitung und damit Kirchenbucheinträge in den
Ansiedlungsorten gab, war diese Gruppe bei Nachforschungen in den
vergangenen Jahren nicht zu finden. In der alten Heimat wusste bald nach der
Auswanderung auch niemand mehr, wo sie
geblieben waren. In Notariatsakten, bei
Erbteilungen findet man bisweilen später einen Hinweis auf die Auswanderung eines Erbberechtigten
nach Brasilien, so z.B. bei der Rathsweilerer Familie
GILCHER, deren Tochter Philippina HÄSEL in Ulmet zu
der Gruppe vom 7.November gehört hatte, aber niemand von der Familie wusste
eine Provinz oder einen Ort zu nennen. De facto existierte keine Verbindung mehr und bald auch kein
Wissen mehr über den Verbleib.
Dieser tote Punkt wurde nun im Jahr 2004
durch das Internet überwunden. Eine brasilianische Familie aus Sao Paulo, die
ihren Namen GUILGER schreibt und nicht wusste, wo ihre Wurzeln zu suchen seien,
aber Interesse daran hatte, erfuhr bei einem Besuch auf dem Friedhof der längst untergegangenen deutschen
"Kolonie" von Santo Amaro die Schreibweise
GILGER und GILCHER für ihre Vorfahren. Mit diesen Varianten fand sie dann per
Internetsuche über Google den Verfasser dieser Zeilen. Somit trafen sich
hier zwei lose Enden einer von beiden Seiten gesuchten Verbindung.
Im Büro des Friedhofs Colônia
in São Paulo war eine gedruckte Liste vorhanden mit den Namen von 30
Kolonisten-Familien, die am 28.Juni 1828 in Santos angekommen waren, insgesamt
174 Personen (2). Die Überraschung war
groß, als diese Liste per Fax hier ankam: sie besteht zum allergrößten Teil aus
genau denjenigen Pfälzern, die das Landkommissariat für den Bezirk Kusel als
"heimlich ausgewandert" festgehalten hatte und deren Verbleib nicht
bekannt gewesen war (siehe Liste im Anhang). Da waren sie also: ein Schiff voller illegal ausgewanderter Pfälzer aus dem
Kuseler Land.
5.
Wie waren die Westricher
nach São Paulo gekommen ?
Ende 1827 waren die heimlich
Entwichenen gemeinsam auf dem Weg nach Bremen,
um sich dort vom Konsulat gegen 2 Gulden "Certifkationsgebühren"
das Ansiedlungsangebot abstempeln und beglaubigen zu lassen. Ein wichtiger
Schritt, denn nur abgestempelte und durch die Regierungs-Kanzlei der freien
Hansestadt Bremen beglaubigte Ansiedlungsversprechen wurden in Brasilien als
solche anerkannt und die Pfälzer ihrerseits pochten später auch mehrfach auf
der Einhaltung dieser "Verträge", was den brasilianischen Behörden
vor Ort gar nicht in vollem Umfang möglich war, wie sich noch herausstellen
sollte.
Auswandererschiffe nach Brasilien segelten
anfangs ab Hamburg und Bremen, später auch von Amsterdam. Die Pfälzer Gruppe
vom 7.November jedenfalls begab sich von Bremen aus nach Amsterdam. Sie konnten
jedoch nicht alle auf einem einzigen Schiff unterkommen, da auch noch viele
andere Auswanderer Schlange standen, um
nach Brasilien zu reisen. Die Westricher Gruppe musste sich trennen, teilweise trennten
sich sogar Eltern von ihren minderjährigen Kindern und unternahmen die Reise
auf zwei verschiedenen Schiffen, sicher in dem Vertrauen, etwa zur gleichen
Zeit in Südamerika anzukommen. Die Hauptgruppe dieser Westricher
kam im Juni 1828 in Rio de Janeiro an -
mit dem holländischen Schiff "Alexandre". Dieser Schiffsname
und weitere genaue Einwanderungsdaten stehen in einem "Titulo de Residencia"
des Friedrich REIMBERGER (geboren am 23.6.1814 in Erdesbach
als Friedrich RHEINBERGER), der 1852 genaue Angaben zu seiner Einreise und
Herkunft bei der Polizei in Santo Amaro gemacht
hatte, um eine Daueraufenthaltserlaubnis zu bekommen (3). Die Hauptgruppe der Pfälzer wurde am 20.Juni 1828 mit dem Schiff "Rocha"
nach Santos weitertransportiert und dann nach São Paulo, wo vor ihnen schon 358
andere Deutsche angekommen waren (4).
6.
Trennung von Familien und eine Katastrophe
31 Familienangehörige dieser Kuseler Gruppe
hatten keinen Platz auf der "Alexandre" bekommen können und gingen
zusammen mit etwa 270 anderen Auswanderern aus dem Hunsrück und anderen
deutschen Gebieten an Bord der
holländischen Fregatte Helena Maria
unter Kapitän B. Karstens, die am 6. Januar vom Amsterdamer Hafen Texel ablegte (5). Sie ahnten nicht, dass eine Katastrophe
bevorstehen sollte.
Als die Helena Maria zwischen 12 und ein
Uhr in der Nacht zum 13.Januar 1828 gerade dabei war, den Ärmelkanal zu
verlassen, um Kurs auf den offenen Atlantik zu nehmen, wurde aus dem schlechten
Wetter plötzlich ein Orkan, wie man ihn seit langer Zeit nicht mehr erlebt
hatte (6). Die Fregatte mit über 300 Menschen an Bord wurde für Stunden zum Spielball
der tosenden Wellen und geriet in Seenot. Alle drei Masten brachen im Sturm,
das Schiff schlug leck und trieb manövrierunfähig in Höhe des Lizard Point, etwa 20 Meilen vor Land's
End in Cornwall. Die Auswanderer wären dem Untergang geweiht gewesen, wenn
nicht das britische Postboot "Plover" unter
Kapitän Edward JENNINGS die Helena Maria in Seenot entdeckt und in den Hafen
von Falmouth geschleppt hätte (7). Der Hunsrücker
Auswanderer Johannes SPINDLER aus Niederhosenbach hat einen eindrucksvollen
Augenzeugenbericht dieses schlimmen Ereignisses, bei dem es auch Tote gab, in
einem Brief an seine Verwandtschaft hinterlassen (8).
Die
Pfälzer und Hunsrücker hatten ihre ganze Habe im Sturm verloren und
fanden sich nun völlig mittellos im winterlichen England statt am Traumziel
Südamerika. Es ist erstaunlich, wie das Städtchen Falmouth
und die "Gesellschaft zur Unterstützung notleidender Fremder"
("Society for the
Relief of Foreigners in Distress")
es geschafft haben, so viele fremde Menschen aufzunehmen, unterzubringen und
ein ganzes Jahr lang zu versorgen. Der Vizepräsident dieser Gesellschaft, Lord
de DUNSTANVILLE, hatte großen Anteil daran (9). Das Schiff Helena Maria, so
berichtet die London Times vom 23.10.1828, wurde zwar noch repariert, aber vom
Seeamt (Lord High Admiral) für nicht seetüchtig erklärt. Damit war für die
Auswanderer zunächst auch der teuer vorausbezahlte Reisepreis verloren. Erst
Ende Oktober 1828 wurde durch die britische Regierung ein Weitertransport der
Deutschen in Aussicht gestellt, finanziert und veranlasst (10). An
Auslandsdeutsche in London und an Nachbargemeinden von Falmouth wurde der Appell gerichtet, den
Schiffbrüchigen Spenden, warme Kleider für den Winter und Proviant zukommen zu
lassen, damit die Voraussetzungen für eine Überfahrt nach Brasilien gegeben
seien. Anfang Dezember 1828 lief dann aus London ein "sehr schönes
Schiff" zu diesem Zweck in Falmouth ein (11).
Mitte Dezember gingen die Auswanderer schließlich an Bord der James Laing. Aber erst am 2. Januar 1829, so berichtet die Royal
Cornwall Gazette (12), waren endlich die
Winde günstig für die Abreise nach Brasilien. Nachdem sie also fast ein ganzes
Jahr mittellos in England festgesessen hatten,
kamen die Auswanderer schließlich im Frühjahr 1829 doch noch an das Ziel
ihrer Wünsche, Rio de Janeiro. Bereits am 17.März 1829 finden wir die
Unterschriften von Peter BAUER und Johannes PFEIFFER, die bei der
Nachzüglergruppe waren, in einem brasilianischen Dokument (13) und am 12.April
1829 waren Charlotte GILCHER aus Bosenbach und ihr
Mann Johannes PFEIFFER die ersten Protestanten, die ihr in der Fremde geborenes
Kind in der katholischen Kirche von Santo Amaro
taufen ließen (14). Der aus Essweiler stammende Vater von Charlotte, Heinrich
GILCHER war schon im Juni des Vorjahres angekommen.
7. Ansiedlung in Santo Amaro
Als die Passagiere des Unglücksschiffes
Helena Maria schließlich verspätetet nach Brasilien segelten, waren für die
geplante deutsche Kolonie im Staat São Paulo bereits alle Weichen gestellt, das
Land, das man in der Nähe des 700-Seelen Dörfchens Santo Amaro
nach vielem Hin und Her ausgewählt hatte, schon verteilt. Wer nicht im November
1828 bei der Anmeldung für ein Grundstück präsent war, konnte für dieses
Ansiedlungsprojekt nicht mehr berücksichtigt werden. In São Paulo war man froh,
wenigstens für diese eine Kolonie mit großen Schwierigkeiten einen Platz
gefunden zu haben. Vor Ankunft der Deutschen war seitens der Provinzregierung
überhaupt nichts vorbereitet gewesen und mehr Leute konnte man dort nicht ansiedeln.
Lediglich die schon vorangemeldeten Familienangehörigen durften 1829 noch nach
Santo Amaro nachkommen. Die anderen Familien der
Kuseler Gruppe, die auch am 7. November 1827 heimlich abgereist waren, aber
keine Familienangehörigen auf dem ersten Schiff hatten, wurden von Rio aus in den Süden Brasiliens weitergeleitet, wo
schon seit 1824 Deutsche siedelten. Sie
lassen sich zum Teil nachweisen in den
Listen der fast 3000 deutschen Einwanderer, die der spätere Koloniedirektor
Hillebrand für den Süden Brasiliens erstellt hat (15).
Die Pfälzer Gruppe unter den deutschen
Einwanderern im Staat São Paulo meldete sich fast geschlossen für die deutsche
Kolonie, die 4 Meilen vom Dorf Santo Amaro entfernt
in herrenloser Wildnis errichtet werden sollte. Lange waren sie provisorisch in
São Paulo einquartiert, im Militärhospital, dessen deutsch sprechender Arzt de
Mello Franco Koloniedirektor geworden war. Später waren sie ebenfalls
provisorisch in dem Indiodorf Itapecerica
untergebracht, das zum Gebiet von Santo Amaro
gehörte. Acht Deutsche kauften sich dort von ihrem eigenen Geld selbst Land,
weil sie nicht länger warten wollten, und begannen, sich eine Existenz als Bauern aufzubauen, weitere
10 Familien waren des Wartens überdrüssig und kauften oder pachteten sich Land
in der Umgebung. In Itapecerica gehörten folgende
Familien zu den ersten Deutschen, die dort siedelten: Wilhelm HANNICKEL aus Neunkirchen, Heinrich
FISCHER, der Schwager von Friederich HÄSEL aus Frohnbach,
Jacob GRIMM (in Brasilien CREM geschrieben) aus Baumholder, Friedrich
HELFENSTEIN. Weitere frühe Familien dort waren aus dem Hunsrück: Simon KLEIN
aus Buch bei Simmern, Jacob ZILLIG und Söhne Peter und Jacob aus Ober-Kostenz, Sebastian WEISHAUPT aus Spesenroth,
Michael ROCKENBACH aus Biebern bei Simmern, Hans
DONSBACH aus Reich; andere kamen aus der Eifel/Mosel-Region: Peter BARTEN, Hans
SCHOLL, Hans STEFFENS aus Mittelstrimmig, Andreas
CASPERS, Hans THEISEN aus Altstrimmig und Hans
MEINERTS aus Haserich. (16)
8.
Eine Pfälzer "Rebellion" im Urwald
Schwierigkeiten vielfältiger Art warteten
auf die deutschen Einwanderer. Das begann damit, dass die Provinz im Gegensatz
zum Kaiser einer Fremdenkolonie gegenüber ablehnend, fast feindlich eingestellt
war. Da absolut nichts vorbereitet war, wurde zunächst ein entferntes
Wildnis-Gebiet im "Quilombo" für die
Ansiedlung ausgesucht. Erst als die deutschen Männer eine Straße dahin gebaut
hatten, stellte man fest, dass das Gelände ungeeignet war. Nach weiteren
Fehlversuchen wurde eine herrenlose Wildnis bei Santo Amaro
ins Auge gefasst und den Kolonisten gezeigt. 129 Familien akzeptierten dieses
Land und unterschrieben im November 1828 ein entsprechendes Zuteilungsgesuch
(17). Aus Geldmangel wurde dieser Plan
von den Provinzbehörden Anfang 1829 verworfen und man beschloss, die Deutschen
am Rio Bonito anzusiedeln. Dagegen protestierten vor
allem die Pfälzer und verwiesen auf ihren Vertrag, der ihnen Felder und Wiesen versprach, nicht sumpfiges
Urwaldgelände in einem Überschwemmungsgebiet. Ein dementsprechender Protestbrief
vom 17.März 1829 an den Vizepräsidenten der Provinz wurde unterzeichnet von 26
Personen: Theofílo SCHMIDT, der das Gelände vermessen
hatte (18), Frederico LANG, Philippe ANTONI, Jacobo
KUNTZ, Pedro SCHUMACHER, João STOFFEL; Pedro BAUER, Henrique
GILGER, Pedro HÄSSEL, Nickel MILER, Adão WEINBERGER
(Übertragungsfehler, = RHEINBERGER!), Philippe SCHIOFER (Übertragungsfehler, =
SCHÄFER!), Jacobo WALDER, Theobaldo ULRICH, Frederico
HASSE (= HÄSEL), Elizabetha
WALTER (Witwe von Max WALTER), Diderico GERES (=
GEERS), Pedro SCHUCK, Luiz GADNER ( = Ludwig KETTLER!), Jacobo
MATER (= MADER), João PFEIFER, Frederico FRANCK, Daniel SANSEL (= SAMSEL!),
Philippe WEINREICH, Frederico THEOBALD und Jacobo
REY, also fast ausschließlich Pfälzer
aus dem Kuseler Land, die den Mund aufmachten und sich damit größte
Schwierigkeiten einhandelten (19).
Zur Strafe wurden sie aus der Kolonie
ausgeschlossen. Nach reumütiger Bitte wurden einige von ihnen drei Wochen
später wieder aufgenommen: Theobald ULRICH, Heinrich GILCHER, Johannes STOFFEL
und Peter BAUER. Aber rund die Hälfte der Unterzeichner musste gehen und findet
sich nicht in der ersten Einwohnerliste von Santo Amaro
von 1830. Theophil SCHMIDT, der den
Urwaldboden als landwirtschaftlich wertlos erachtete, und darüber mit dem
Koloniedirektor in Streit geriet, bot sich an, mit einer Delegation zum Kaiser
nach Rio zu gehen, um die vertraglichen Rechte einzuklagen, was er dann auch
tat, in Begleitung von Nicolaus BACKES (aus Hüffler)
und Johannes PFEIFFER (aus Bosenbach), jedoch ohne
erkennbaren Erfolg. Vom Koloniedirektor wurden diese Proteste und der Marsch
einer Verhandlungsdelegation zu seinem Haus als "Revolte" angesehen
und mit Unterstützung von Soldaten die "Ordnung wieder hergestellt".
Den Deutschen teilte man definitiv mit, dass kein anderes Land für sie da sei
und dass auch die finanzielle Unterstützung nur bis zum Ende des Jahres gezahlt
werde. Zur Bestrafung der
"rebellierenden, ungehorsamen" Kolonisten wurden einige mit dem
Entzug des Unterstützungsgeldes bestraft: die als Rädelsführer angesehenen
Friedrich FRANCK und Philipp WEINREICH, beide aus Friedelhausen, sowie Heinrich
GILCHER aus Bosenbach, Philipp SCHÄFER aus Erdesbach, Theobald ULRICH aus Ulmet,
Jacob REY aus Essweiler, Johannes STOFFEL, Nickel MÜLLER, Nickel KLEIN aus
Neunkirchen und Jakob KUNTZ aus
Essweiler (20). Diese auf ihre Vertragsrechte pochenden Pfälzer
"Rebellen" sind dann auch sehr bald aus Santo Amaro
verschwunden. Einige, wie z.B. Johannes PFEIFER, haben sich Arbeit gesucht auf
der Eisenhütte von Ipanema, wo der deutsche Ingenieur
VARNHAGEN ein bedeutendes Eisenwerk aufgebaut hatte, und zogen zuerst direkt an
die Fabrik, später nach Sorocaba (21). Andere zogen
nach Minas Gerais, Santa Catarina, Curitiba. Für die weniger rebellischen Kolonisten wurde
schließlich noch aus dem Koloniebudget bebautes Land bei Santo Amaro von dem Friedensrichter Joaquim Manoel de Moraes aufgekauft und
ab Juli 1829 begannen die ersten deutschen Familien, sich dort
einzurichten. Das vertraglich versprochene Vieh war natürlich nicht in
ausreichendem Maße vorhanden. Die Siedler erhielten Geldzahlungen zum
Ausgleich. Im Februar 1830 wurden in der deutschen Kolonie von Santo Amaro 62 Familien mit 229 Personen gezählt und in Itapecerica 30
deutsche Familien mit 163 Personen (22).

9.
Religion und
Sprache
Die deutschen Siedler waren in der
Hauptsache protestantisch. Einen Pfarrer oder Lehrer hatten sie nicht. So
konnten sie also keine Gottesdienste in ihrer Religion oder Sprache haben und
keinen Schulunterricht für ihre Kinder. Am Anfang war es sogar zu
Feindseligkeiten gekommen, weil die Katholiken es untersagten, einen
Protestanten auf ihrem Friedhof zu begraben. In Ermangelung einer evangelischen
Kirche wurden anfangs Heiraten vor dem
Friedensrichter vorgenommen, aber sehr bald gingen auch die Protestanten in die
katholische Kirche und schon ab März 1829 findet man Taufen der Pfälzer
Protestanten im Kirchenbuch der katholischen Kirche von Santo Amaro. Allerdings muss die Verständigung ein großes Problem
gewesen sein, denn der katholische Seelsorger hat die Namen der Deutschen, die
ihm natürlich nicht geläufig waren, nur nach dem Gehör geschrieben und sie bis
zur Unkenntlichkeit verballhornt. So findet man z.B. für die Familie des
Johannes GILCHER folgende Schreibweisen : Gil, Guilhe, Guilher, Gillgir, Gilger, Gulcher, Kincher, Kincha, Kuinquer, Guilger , wobei sich letztere schließlich durchgesetzt hat.
RHEINBERGER wurde zu Reimberger, Reimper,
Remper, Rempar, und
Reimberg. HELFENSTEIN schrieb der Padre als Helfsten, Helfstem, Elfestem, Olfingstén,
Helfstein; HAESEL als Hesse, Esse, Eser,
Essel, Hessel und
ROCKENBACH als Rocumbac, Rocumback,
Rocumbá, HEIN wurde zu Hên,
Hem, KLEIN zu Clên, Clêm, Cleim, GOTTFRIED zu Gutfrid, Godfrit, Godfrits, schließlich Godtsfrits
und Gottzfritz, WEINMANN zu Vaiman,
Vaimar, BACKES mutierte dauerhaft zu Packs, BAUERMANN
zu Paulman, und Palman,
u.s.w.
Wie das Kirchenbuch von Santo Amaro ausweist, blieben die Pfälzer, bzw. auch die
Deutschen allgemein in der Ansiedlergeneration und meist auch noch in der
Generation der Ansiedlerkinder und -enkel bis ins 20. Jahrhundert hinein unter
sich, heirateten unter sich, zum Teil auch innerhalb der Familie; es gab viele
Vettern-Heiraten, so dass der Padre häufig bei der Diözese Dispens einholen musste. Als
das deutsche Reich 1871 gegründet wurde, erinnerten sich viele ausgewanderte
Deutsche an ihr Deutschtum und ließen sich und ihre Kinder in die Matrikel des
Generalkonsulats in São Paulo als Deutsche eintragen. Eine Erneuerung des
Eintrags spätestens alle 10 Jahre sicherte die deutsche Staatsbürgerschaft. In
Brasilien hatten sie ohnehin den Status als
"Estrangeiros", als Fremde,
Ausländer. Erst die Generation der Enkel und Urenkel hatte sich in Sprache und
Kultur soweit assimiliert, dass mehr deutsch-brasilianische Familien
entstanden. Mit dem Ableben der zweiten, spätestens der dritten Generation
verschwand die deutsche Sprache und Portugiesisch wurde zur Alltagssprache der
Nachkommen.
10. Die
Entwicklung der deutschen Kolonie
Der Kolonie von Santo Amaro
war kein langes Blühen beschieden. 1837 war Santo Amaro
zwar der einzige Ort der Provinz, der Kartoffeln produzierte und galt als
"Vorratskammer der Hauptstadt" (23). Aber bereits 1847 wurde die
Provinzregierung darüber informiert, dass nur noch neun Familien in der Kolonie
wohnten. Es waren also innerhalb von 20 Jahren 50 Familien von dort weggezogen.
1850 wurde eine Erhebung über die im Staat Sao Paulo existierenden Kolonien
gemacht und aus Santo Amaro wurde gemeldet, dass dort
eine deutsche Kolonie existiere, "4 Meilen vom Dorf entfernt, quasi
aufgegeben", nur noch vier oder fünf Familien lebten dort. Vielleicht war
sie doch zu weit abgelegen, die Deutschen zu sehr unter sich und isoliert,
schulische und evangelische seelsorgerische Betreuung nicht vorhanden, die
Bodenqualität für Landwirtschaft auf Dauer doch nicht so gut wie erhofft oder
so schlecht wie die Pfälzer "Rebellen" befürchtet hatten. Jedenfalls
sind viele Familien auf andere Landgüter gezogen oder haben sich von der
abgelegenen Kolonie in das Zentrum von Santo Amaro
gewandt (1822 : 760 Familien, 1839: 5400 Einwohner!)
und in die Großstadt São Paulo. Diese hatte nur etwa 20.000 Einwohner, als die
Deutschen kamen, ist heute aber eine Megalopolis, die natürlich auch das Dorf
Santo Amaro geschluckt hat. Dieses sah vor der
Eingemeindung einen Nachkommen der
Westpfälzer GILCHER, José GUILGER SOBRINHO, Enkel des Einwanderer Johannes
GILCHER von Essweiler auf dem Bürgermeistersessel. Diese Bereitschaft, sich für
das Gemeinwesen einzusetzen, hatten die Gilchers aus Deutschland mitgenommen. Auch als 1808
José Guilgers Großmutter Margarethe WEINMANN in der
Bürgermeisterei Horschbach von ihrem Vater Jakob
angemeldet wurde, war dort ein GILCHER, nämlich Hans GILCHER der amtierende
Bürgermeister.

Die deutsche Kultur, so schreibt Edmundo Zenha 1950 pessimistisch, habe keinerlei Spuren
hinterlassen (24). Allerdings, wenn man nach Spuren deutscher Einwanderer dort
sucht, findet man noch welche: im Institut Martius Staden, das der deutsch-brasilianischen Geschichte und
Kultur verpflichtet ist; in Familien mit deutschen Vorfahren wird so manches
deutsche Schriftstück aus alter Zeit noch ehrfurchtsvoll aufbewahrt. Auch den
alten Friedhof der Kolonie mit den großen eisernen Grabkreuzen der ersten
deutschen Kolonisten gibt es noch und allenthalben trifft man in der Gegend um
Santo Amaro auf deutsche Familiennamen, wenn auch
bisweilen von ihrer ursprünglichen Form mehr oder weniger stark abweichend, die
vorwiegend von 1827 bis 1829 durch Auswanderer, darunter eben auch viele
Pfälzer, dorthin gekommen sind. In São
Paulo, und zwar etwa dort, wo die pfälzischen Siedler ihre Kolonie und ihre
Grundstücke hatten, gibt es heute noch
einige nach deutschen Familien benannte Straßennamen, wie z.B. Avenida Pedro ROSCHEL GOTTZFRITZ, Praça Henrique SCHUNCK, Rua Benedito SCHUNCK, oder
Avenida Paulo GUILGER REIMBERG (25), die letztlich alle auf die
"heimlichen" pfälzischen Auswanderer aus dem Raum Kusel
zurückzuführen sind.
_______________________
Anmerkungen:
1) Vgl. das gleichnamige Buch von Werle-Fauser, Hildegard: "Grumbiern
wie ein Kopp so groß" , - die deutsche Einwanderung in den Staat São
Paulo, São Paulo 1999. Dort ist der vollständige Text des Drehorgelliedes
abgedruckt sowie eine sehr umfassende Darstellung deutscher Einwanderung in diesen Teil Brasiliens.
2) Die Liste entstammte der Schrift von Zenha, Edmundo: A Colônia Alemã de Santo Amaro, São Paulo 1950. Diese nur in Brasilien vorhandene Schrift
wurde mir dankenswerterweise zur Verfügung gestellt vom Institut Martius-Staden, São Paulo .
Weitere Quellen verdanke ich der deutschsprachigen Zeitung Brasil-Post und der
Autorin Frau Hildegard Werle-Fauser in São Paulo.
3) Friedrich RHEINBERGER war mit seiner aus Erdesbach stammenden Mutter Maria Elisabeth DRUMM (geb.
30.5.1789) und deren zweitem Mann Philipp SCHÄFER eingereist. Sein Vater war Adam RHEINBERGER
(Heirat mit Maria Elisabeth DRUMM 19.1.1809). Mit dabei: seine beiden Brüder
Adam RHEINBERGER, geboren am 23.4.1809 und Peter RHEINBERGER, geboren am
31.3.1811.
4) Ein erster Transport war schon am
30.11.1827 von Rio nach Santos geleitet worden; darunter auch Hunsrücker und
Pfälzer, wie z.B.: Jacob GRIMM aus Baumholder, Friedrich HELFENSTEIN, Sebastian
WEISHAUPT aus Spesenroth, Jacob ZILLIG und Peter
JACOBI aus Oberkostenz, Simon KLEIN aus Buch bei Simmern, Michael
ROCKENBACH (aus Biebern/Simmern lt. Mitteilung von
Doris WESNER) u.a. Die Herkunftsangaben entstammen der Matrikel des deutschen
Konsulats von São Paulo, wo sich manche Auswanderer und Auswanderer-Nachkommen
zwischen 1869 und 1937 eintragen ließen, um ihre deutsche Staatsangehörigkeit
zu bewahren. Diese Matrikel liegen im Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin und
sind eine hervorragende Quelle für Auswanderungs- und Herkunftsforschung.
5) Abfahrtsmeldung in der holländischen
Zeitung Amsterdamsche Courant Nr.7 /1828: "Scheeps-Tijdning.
Texel, den 6den Januarij.
De wind O.Z.O. Uitgezeild: B.Kerstens,
Helena Maria, naar Rio de Janeiro."
6) Ein ausführlicher Bericht über den Orkan,
der von Dover bis Cornwall wütete, viele Schiffe auf Grund setzte und an Land
Dächer und Kamine mitriss, findet sich
in der holländischen Zeitung Amsterdam'sche Courant vom 24.1.1828; zur
Verfügung gestellt von der "Koninklijke Bibliotheek", Den Haag.
7) Berichte darüber wurden in der britischen
Zeitung "West Briton" vom 18.1.1828 und
1.2.1828 veröffentlicht, ein sehr interessanter Briefwechsel der beiden
Kapitäne (Dank für die Rettung und ritterliche Ablehnung einer Geldzahlung
dafür) am 8.2.1828. Im Bericht ist von 300 deutschen Emigranten die Rede.
8) Vgl. Werle-Fauser, a.a.O. S.31,
dort zitiert nach Dr. Carlos Hunsche. Vgl auch Wettmann, Hartmut "Gefährliche
Überfahrt" in Heimatkalender 1980 Landkreis Birkenfeld, S.194.
9) Dies wird sowohl im "West Briton" vom 1.2.1828 als auch in der "Royal
Cornwall Gazette" vom 2.2.1828 hervorgehoben. Die Berichte verdanke ich
Frau Vanessa Bourgignon von der "Cornish Studies Library - The Cornwall
Centre" in Redruth.
10) nach
einem Bericht der London TIMES vom 23.10.1828.
11)
Es war wohl das Schiff James Laing unter Kapitän Sughure,
dessen Ankunft aus London mit Ziel Rio am 6.12.1828 in der Royal Cornwall
Gazette gemeldet wurde. Auf derselben
Zeitungsseite liest man and
anderer Stelle: "A
very fine ship arrived at Falmouth on Wednesday last, for the purpose of taking
out the German emigrants to the Brazils, who have been so long residing at that
place".
12) Meldung der Royal Cornwall
Gazette vom 3.1.1829. Die Zeitung West Briton vom 9.1.1829 meldet unter dem Datum 2.1. die Abreise
von gleich drei Seglern an diesem Wochenende nach Brasilien: die erwähnte James
Laing, die Oscar mit Kapitän Hinderwell
und die Fifeshire mit Kapitän Wilson.
13)
Zenha, Edmundo, A Colônia Alemã de Santo Amaro, São Paulo
1950, S.36
14) Kirchenbuch der katholischen Kirche: Curia de Santo Amaro, batismos 1829.
15) siehe Hunsche,
Carlos: Die deutschen Einwanderer nach Südbrasilien 1824-1830 in:
Genealogisches Jahrbuch Band 19, Teil 2, Neustadt/Aisch
1979, S. 665-684. Dort finden sich folgende am 7.11. heimlich entwichenen Westricher, die am 14.5.1829 in Südbrasilien ankamen:
GALLAS, Kilian aus Essweiler (6 Personen) u. Schwägerin Sara
JUNKMANN, JUNG Karl aus Föckelberg (1 P.), ROBINSON Georg aus Ulmet
(5 Personen), SANDER Adam aus Konken (6P.), SANDER
Jakob aus Föckelberg (4 Personen).
Weitere Namen und Daten deutscher
Einwanderer nach Südbrasilien sind durch das "Instituto
Genealógico do Rio Grande do Sul"
in Porto Alegre im Internet veröffentlicht unter
der Adresse : ingers@terra.com.br
16) Vgl.Werle-Fauser a.a.O. S.43 und "Liste I" bei Zenha, a.a.O. S.139. Von der Präfektur Itapecerica
wurden noch folgende frühe Familien genannt, allerdings ohne Herkunftsangabe,
Pedro THEISEN, Miguel BAUERMANN, José ENGEL (Ingle/Hengles in brasilianischer Schreibung), Hermann und
Christoph MOHR.
17) Liste vom 28.11.1828, "Liste F" bei Zenha,
a.a.O. S.85
18) Theophil SCHMIDT sprach gut Portugiesisch,
woraus Zenha den Schluss zieht, dass er zuvor einige
Jahre in der Fremdenlegion in Rio gedient haben mag, bevor er als Geometer zu
dem Kolonievorhaben stieß. In den Schiffslisten von 1827/28 taucht er
dementsprechend auch nicht auf.
19)
Vgl. Zenha, A Colônia , S.36
20)
Vgl. Zenha, A Colônia , S.43
21) Johannes PFEIFFERs
Sohn Daniel (geboren 1822 in Bosenbach), der wegen
seines "rebellischen" Vaters nicht Bauer in Santo Amaro,
sondern Blechschmied in Ipanema bei Sorocaba geworden war, besaß eine
Daueraufenthaltsgenehmigung von Porto Feliz von 1853
und ließ 1874 seine 5 Söhne in die Konsulatsmatrikel von São Paulo eintragen.
Die Geburtsorte der Söhne zeigen den Wanderweg: João PFEIFFER geb.23.4.1856 in Capella da Fabrica, José PFEIFFER
11.11.1859 und Pedro PFEIFFER 16.8.1864 in Campo Largo de Sorocaba,
Antonio PFEIFFER 2.1.1867 und Joaquim PFEIFFER 16.10.1869 in dem Ort Sorocaba selbst.
22) Die
Listen wurden von den Friedensrichtern Joaquim Manoel de Moraes und Fernando Antonio de Moraes
für Santo Amaro und Itapecerica
getrennt aufgestellt; abgedruckt bei Zenha, A Colônia, S.134ff. Dabei haben sich von der Erfassung der
Namen bis zum Druck durch Hör- oder Lesefehler leider auch etliche ganz
gravierende Namensentstellungen eingeschlichen.
23)
Vgl. Zenha Edmundo, A Vila
de Santo Amaro, São Paulo 1977, S.113.
24)
Vgl. Zenha, A Col1onia, S.59
25) Diese Auswanderer waren: Christian GOTTFRIED aus Rammelsbach,
Heinrich SCHUNCK aus Ulmet, Johannes GILCHER aus
Essweiler und die Gebrüder RHEINBERGER aus Erdesbach.
Die Familie ROSCHEL ist erst 1857 nach Santo Amaro
gekommen.
Anhang:
Auszug aus der "Liste derjenigen 174 deutschen Siedler, die am
20.6.1828 in Rio de Janeiro ihre Reise fortsetzten und auf der 'Rocha' eingeschifft wurden zur Fahrt nach Santos. Erstellt
im Auftrag des "Inspektors für die Ansiedlung von Fremden" durch
Johann Heinrich KAGEL, Dolmetscher."
Diese Schiffsliste (Liste "D" bei Zenha,
A Colônia)
habe ich erweitert um die Herkunftsorte, soweit sie aus den Kuseler
Archivunterlagen, den Konsulatsmatrikeln oder aus anderen Quellen zu ermitteln
waren, sowie um Geburtsjahr oder -datum und Kinderzahl der Familienoberhäupter
und der Ehefrauen. Die Original-Liste enthält auch die Namen und das Alter der
Kinder, die hier aus Platzgründen weggelassen sind. 31 Angehörige waren nach
dem Schiffbruch der Helena Maria am 20.6.1828 noch in Falmouth/England
und kamen erst 1829 nach. Diese sind in der Liste vermerkt mit dem Hinweis
"auf Helena Maria".
Eine Mehrheit der Pfälzer Auswanderer war protestantisch, nur 8 Familien waren katholisch. Dies ist jeweils
vermerkt; ebenso, wenn die Ehefrau eine andere Religion hatte als der Mann.
|
NAME |
Vorname |
Alter 1828 |
Religion, falls
katholisch Berufe, Kinder, etc. |
recherchierter Herkunftsort |
errechnetes Geb.-Jahr Geb.Datum |
|
ANTHONI |
Philipp |
52 |
kathol., Ackerer |
Bosenbach |
1776 |
|
ANTHONI geb. DICK |
Maria Magd. |
52 |
protestantisch, 8 Kinder |
Bosenbach |
1776 |
|
BACKES |
Nicolaus |
35 |
Bergmann, Ackerer |
Hüffler |
1793 |
|
BACKES geb. WEBER |
Catharina |
36 |
6 Kinder |
Hüffler |
1792 |
|
(BAUER |
Peter) |
|
auf „Helena Maria“ |
siehe unten |
|
|
BAUER |
Margarethe |
44 |
4 Kinder |
Bedesbach |
1784 |
|
BRAUNING |
Carolina |
20 |
Weinreichs Nichte |
Friedelhausen |
1801 |
|
FISCHER |
Heinrich |
23 |
Schwager v.Haesel |
Frohnbach ? |
1805 |
|
FRANCK |
Friedrich |
43 |
Ackerer |
Friedelhausen |
1785 |
|
FRANCK geb. DICK |
Catharina |
37 |
5 Kinder |
Friedelhausen |
1791 |
|
GILCHER |
Heinrich |
52 |
Küfer, 3 Kinder |
Bosenbach |
29.3.1775 |
|
GILCHER geb.KILIAN |
Margaretha |
54 |
Tochter
auf Helena M. |
Bosenbach |
1774 |
|
GILCHER |
Johannes |
23 |
Ex-Soldat, Schuster, Knecht bei Fam.
Walter |
Essweiler |
28.6.1805 |
|
GLASER |
Nicolaus |
41 |
Ackerer |
Ulmet |
1787 |
|
GLASER |
Juliana |
45 |
5 Kinder |
Ulmet |
1783 |
|
GOTTFRIED |
Christian |
32 |
Ackerer |
Rammelsbach |
1796 |
|
GOTTFRIED geb. RÜBEL |
Catharina |
32 |
4 Kinder |
Rammelsbach |
1796 |
|
GROSKLOS |
Jacob |
24 |
Kath., Zimmermann |
ledig, Kusel |
1804 |
|
HAESEL |
Peter |
13 |
Eltern (Peter Häsel
sr.) u. 2 Kinder auf Helena Maria |
Ulmet |
2.1.1815 |
|
HAESEL |
Catharina |
19 |
Schwester v. Peter |
Ulmet |
24.5.1809 |
|
HAESEL |
Friedrich |
54 |
Ackerer, Witwer, 5 Angehörige auf Helena Maria |
Frohnbach |
1774 |
|
HAESEL |
Friedrich |
23 |
Sohn, verheiratet |
Frohnbach |
25.11.1805 |
|
HAESEL |
Jacob |
18 |
Sohn, Junggeselle |
Frohnbach |
1810 |
|
HANNICKEL |
Wilhelm |
41 |
katholisch, Ackerer |
Neunkirchen |
1787 |
|
HANNICKEL geb. ANTHONI |
Margarethe |
41 |
katholisch, 5 Kinder |
Neunkirchen |
1787 |
|
KAPPEL |
Adam |
25 |
Zimmermann, ledig |
Kusel |
29.2.1803 |
|
KLEIN |
Adam |
45 |
Ackerer , Schneider |
Altenglan |
1783 |
|
KLEIN geb. GÖTTEL |
Elisabeth |
37 |
4 Kinder |
Altenglan |
1791 |
|
KLEIN |
Nicolaus |
48 |
Zimmermann |
Neunkirchen |
1780 |
|
KLEIN geb. BECKER |
Catharina |
45 |
6 Kinder |
Neunkirchen |
1783 |
|
KUNTZ |
Georg Jak. |
37 |
katholisch, Ackerer |
Essweiler |
1791 |
|
KUNTZ geb. SCHRECK |
Elisabeth |
33 |
katholisch, 3 Kinder |
Essweiler |
1795 |
|
LANGE |
Friedrich |
33 |
Schneider |
? |
1795 |
|
LANGE |
Margaretha |
26 |
1 Tochter |
? |
1802 |
|
MADER |
Jacob |
33 |
Schuhmacher |
Friedelhausen |
1795 |
|
MADER geb. SIMON |
Catharina |
35 |
3 Kinder |
Friedelhausen |
1793 |
|
MÜLLER |
Nicolaus |
51 |
katholisch, Wagner |
? |
1777 |
|
MÜLLER |
Maria |
39 |
katholisch, 4 Kinder |
? |
1789 |
|
PAPST |
Adam |
26 |
Ackerer |
Ulmet |
1802 |
|
PAPST geb. SCHUNCK |
Elisabeth |
25 |
Tocht. v. H.Schunck |
Ulmet |
1803 |
|
REY |
Jacob |
24 |
Kath. (Stiefsohn El.Walter) |
Bosenbach |
1804 |
|
SAMSEL |
Daniel |
46 |
Schneider, |
Essweiler |
1782 |
|
(SAMSEL geb. KILIAN |
Charlotte) |
50 |
auf Hel.M
gestorben |
Essweiler |
1777 |
|
(Wwe. BEBER geb. KILIAN |
Philippine) |
39 |
- auf Helena M. - |
s.unten |
1789 |
|
SCHÄFER |
Philipp |
54 |
Ackerer |
Erdesbach |
1774 |
|
SCHÄFER geb. DRUMM, Wwe Adam
RHEIN-BERGER |
M.Elisab. |
38 |
Aus 1.Ehe 3 Söhne RHEINBERGER |
Erdesbach |
30.5.1789 |
|
SCHRECK |
Philippina |
25 |
katholisch, ledig |
Essweiler |
1803 |
|
SCHUCK |
Peter |
27 |
kath. Zimmermann |
Offenbach Gl |
31.1.1799 |
|
SCHUCK geb. SCHWARZ |
Catharina |
25 |
3 K (1 neugeboren) |
Offenbach Gl |
1803 |
|
SCHU-MACHER |
Peter |
36 |
Schneider |
Neunkirchen |
20.11.1791 |
|
SCHU-MACHER |
Friederike |
38 |
4 Kinder |
Neunkirchen |
1790 |
|
SCHUNCK |
Heinrich |
52 |
kathol. Ackerer |
Ulmet |
1776 |
|
(SCHUNCK geb. SCHORG |
Catharina) |
49 |
auf Hel. M. mit 4K |
siehe unten |
|
|
SCHUNCK |
Heinrich |
18 |
katholisch, Sohn |
Ulmet |
3.5.1810 |
|
SCHWENCK |
Johannes |
42 |
Ackerer |
Elbach/Rhein |
1786 |
|
SCHWENCK |
Maria |
40 |
4 Kinder |
Elbach/Rhein |
1786 |
|
STOFFEL |
Johannes |
36 |
katholisch, Ackerer |
? |
1792 |
|
STOFFEL |
Christina |
25 |
protest., 3 Kinder |
? |
1803 |
|
THEISSEN |
Juliana |
46 |
Witwe |
? |
1782 |
|
THEOBALD |
Friedrich |
37 |
Ackerer |
Ulmet |
4.3.1789 |
|
THEOBALD geb. BRAUN |
Catharina |
36 |
u. 4 Personen |
Ulmet |
1792 |
|
ULRICH |
Theobald |
37 |
Ackerer, Hafner |
Ulmet |
1791 |
|
ULRICH geb. RUTH |
Elisabeth |
37 |
4 Söhne |
Ulmet |
1791 |
|
WALTER |
Jacob |
46 |
Schmied u Ackerer |
Essweiler |
1782 |
|
WALTER geb. SCHUCK |
A. Maria |
44 |
6 Kinder |
Essweiler |
1784 |
|
(WALTER) |
(Max) |
(51) |
(Glaser,
Tod 1828 ) |
(Bosenbach) |
1777 |
|
WALTER |
Elisabeth |
47 |
Witwe v.Max,
5 K |
Bosenbach |
1781 |
|
WEINMANN |
Jakob |
53 |
Kalkbrenner, Ack. |
Elzweiler |
25.6.1775 |
|
WEINMANN geb. BAUM |
Eva Elisab. |
43 |
5 K (1 neugeboren) |
Elzweiler |
9.6.1784 |
|
WEINREICH |
Philipp |
36 |
kathol. Ackerer |
Friedelhausen |
1792 |
|
WEINREICH g HANNICKEL |
Magdalena |
36 |
katholisch, 5 Kinder |
Friedelhausen |
1792 |
|
Alleinstehende Einwanderer dieser Gruppe, die nicht aus der Pfalz
kamen: |
|||||
|
GEERS |
H.Dietrich |
29 |
Schmied, ledig, |
Groß-Sottrum/ Hannover |
1799 |
|
MAINHOLZ |
Johannes |
43 |
Seemann, Witwer |
? |
1785 |
|
ANDRESSEN |
Sebastian |
32 |
Seemann,
ledig |
? |
1796 |
|
KETTLER |
Ludwig |
35 |
Seemann,
ledig |
? |
1793 |
|
FLUER |
Johannes |
34 |
kath.Wundarzt, ledig |
? |
1794 |
|
Folgende 31 Familienangehörige waren auf der Helena Maria eingeschifft gewesen und
am 20.Juni 1828 noch nicht in Rio angekommen: |
|||||
|
PFEIFFER |
Johannes |
38 |
Leineweber |
Bosenbach |
1790 |
|
PFEIFFER geb.GILCHER |
Charlotte |
30 |
u.3 Kinder (Vater Heinr.G. s.
oben) |
Bosenbach |
1.3.1798 |
|
HÄSEL |
Peter |
47 |
Ackerer |
Ulmet |
28.1.1781 |
|
HÄSEL geb. GILCHER |
Philippina |
42 |
u.2 Kinder |
Rathsweiler |
29.2.1784 |
|
THEOBALD Familie |
insgesamt
4 Angehörige auf Helena Maria |
Ulmet |
|
||
|
BAUER |
Peter |
46 ? |
Ackerer |
Bedesbach |
1782 ? |
|
SAMSEL, Wwe. BEBER geb. KILIAN |
Philippine |
39 |
u. 5 Kinder |
Elzweiler |
1789 |
|
SAMSEL, geb. KILIAN |
Charlotte |
50 |
unterwegs gestorben |
Essweiler |
1777 |
|
SCHUNCK geb. SCHORG |
Catharina |
49 |
(prot.) u. 4 Kinder |
Ulmet |
1779 |
|
HÄSEL/ FISCHER |
insgesamt 5 Angehörige
auf Helena Maria |
Frohnbach |
|
||
Auf der Reise verstarben :
1.) Max WALTER aus Bosenbach,
51 Jahre alt, auf Schiff Alexander.
2.) Maria Charlotte SAMSEL geb. KILIAN aus Essweiler, 50, auf Schiff Helena Maria.
Sie ist am 7.11.1827 mit ihrem Mann Daniel
SAMSEL aus Essweiler abgereist, fuhr getrennt von ihm auf der Helena Maria mit
ihrer Schwester, Philippina KILIAN, Witwe von Simon Peter BÖBER aus Elzweiler und deren 5 Kindern. Daniel SAMSEL kam allein in Rio an und wusste bei der
Ankunft noch nichts vom Tod seiner Frau. Er lebte seit 1829 mit seiner
Schwägerin und deren Kindern zusammen in Santo Amaro.
3.) Die Ehefrau von HÄSEL Friedrich, 54, aus Frohnbach.
Er reiste mit seiner Frau 1827 aus Frohnbach ab,
wurde bei Ankunft 1828 als Witwer registriert, wusste also bereits vom Tod
seiner Frau.
4.) Die beiden jüngsten Kinder von Georg Jacob
KUNZ aus Essweiler, Catharina, 3 Jahre, und Elisabetha,
1 Jahr, sind mit den Eltern abgereist und
unterwegs verstorben.
"Familienbild"
:
PFÄLZER
AUSWANDERERFAMILIE IN BRASILIEN

Das Bild aus dem Jahr 1913 zeigt die Familie des Hans GILGER (23.3.1838 -15.10.1928), Sohn der
Auswanderer Hans GILCHER aus Essweiler und
Margarethe WEINMANN aus Elzweiler, mit seiner Frau Maria Elisabeth ROCKENBACH
(17.7.1854 - 29.4.1949), eine Tochter von
Michael ROCKENBACH und Maria GOTTFRIED in der Mitte sitzend. Rechts daneben der
Sohn Joao GUILGER filho (*1882), links daneben
Tochter Carolina (1891). Stehend von rechts: der älteste Sohn Miguel GUILGER
SOBRINHO (*1878), mit dem Beinamen
"Sobrinho = Neffe", um ihn von dem
gleichnamigen Onkel Miguel GUILGER zu unterscheiden. Links daneben Maria
(*1879) später verheiratet mit Jacob PAES, dann Antonio (*1894) , dann José GUILGER ROCUMBACK (*1889), der auch den Namen
seiner Mutter (ROCKENBACH in der brasilianischen Variante) führte und der
später mit Maria GUILGER, Tochter von Onkel Miguel GUILGER und Tante Elisabeth
ROCKENBACH verheiratet war. Links daneben Catharina (1886), dann Pedro GUILGER
PRIMO (*1885) mit seinem 1913 geborenen Kind Maria und seiner ersten Frau
Carolina REIMBERGER (*1888), Tochter von Adam REIMBERGER und Carolina ZILLIG.
Carolina REIMBERGER starb wenige Monate nach der Aufnahme dieses Familienbildes
und Pedro heiratete in zweiter Ehe Catharina ZILLIG aus der Familie seiner Schwiegermutter.Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren außer
Pedro alle erwachsenen Kinder noch ledig und arbeiteten mit auf dem Sítio der Familie GUILGER.